Gesundheit

Zwei Stunden Tageslicht – Das einfachste Rezept gegen Kurzsichtigkeit

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Werden Kinder immer häufiger kurzsichtig? Weltweit ja, in Deutschland bisher nicht. Trotzdem merken Eltern oft nicht, wenn ihr Kind schlecht sieht. Zur Woche des Sehens (8. bis 15. Oktober) erklären wir, woran ihr Kurzsichtigkeit erkennt, warum Tageslicht so wichtig ist und was ihr im Alltag tun könnt.

Noch bis zum 15. Oktober läuft die Woche des Sehens. Die bundesweite Aktionswoche rückt jedes Jahr die Augengesundheit in den Mittelpunkt, und das Thema Kinderaugen ist aktueller denn je. Weltweit ist inzwischen fast jedes dritte Kind kurzsichtig. Eine Auswertung von 276 Studien aus 50 Ländern, die 2024 im British Journal of Ophthalmology erschien, kommt auf gut 30 Prozent. Bis 2050 könnten es rund 40 Prozent sein, also mehr als 740 Millionen Kinder und Jugendliche.

Und in Deutschland? Hier gibt es vorsichtige Entwarnung. Ein Team der Uniklinik Freiburg hat rund 1,25 Millionen Brillenverordnungen für Kinder und Jugendliche aus den Jahren 2001 bis 2025 ausgewertet und keinen Anstieg der Kurzsichtigkeit gefunden. Trotzdem gibt es keinen Grund, sich zurückzulehnen. Bei einem Screening der TU Dortmund an zehn Schulen war jede vierte Zehntklässlerin und jeder vierte Zehntklässler kurzsichtig. Bei rund der Hälfte der Betroffenen hatte das vorher niemand bemerkt, auch die Eltern nicht.

Kurzsichtigkeit ist also oft lange unsichtbar. Worauf ihr achten solltet und was wirklich hilft, lest ihr hier.

Was ist Kurzsichtigkeit eigentlich?

Bei Kurzsichtigkeit, in der Fachsprache Myopie, sehen Kinder in der Nähe meist scharf. Alles, was weiter weg ist, wird unscharf: die Tafel, das Straßenschild oder der Ball, der gleich ins Gesicht fliegt. Meist liegt das daran, dass der Augapfel etwas zu lang gewachsen ist. Das Licht bündelt sich dann vor der Netzhaut statt genau auf ihr.

Kurzsichtigkeit entsteht meist im Schulalter und nimmt zu, solange das Kind wächst. Darum lohnt es sich, früh darauf zu achten. Eine starke Kurzsichtigkeit ist nämlich mehr als eine Frage der Brillenstärke. Sie kann im späteren Leben das Risiko für bestimmte Augenerkrankungen erhöhen.

Warnzeichen: Woran erkennt ihr, dass euer Kind schlecht sieht?

Ein Problem dabei: Kinder sagen nur selten „Papa, ich sehe schlecht“. Sie kennen es nicht anders. Wer schon immer unscharf in die Ferne geschaut hat, hält das für normal. Deshalb müsst ihr ein bisschen detektivisch vorgehen. Achtet zum Beispiel darauf:

  • Augen zusammenkneifen: Das Kind blinzelt oder kneift die Augen zusammen, wenn es etwas in der Ferne erkennen will.
  • Nah rangehen: Bücher, Tablet oder Fernseher werden auffällig dicht ans Gesicht geholt, oder das Kind rückt mit dem Stuhl immer näher.
  • Schwierigkeiten in der Ferne: Es erkennt Freunde auf dem Pausenhof erst spät oder hat Probleme, die Tafel abzuschreiben.
  • Häufige Kopfschmerzen: Sie können ein Hinweis sein, sind für sich allein aber kein Beweis für Kurzsichtigkeit.

Wenn euch so etwas auffällt, solltet ihr einen Termin beim Augenarzt machen. Ein Sehtest zu Hause oder eine App aus dem Netz ersetzt keine Untersuchung. Umgekehrt gilt auch: Wenn euch nichts auffällt, heißt das nicht, dass alles in Ordnung ist. Viele Sehprobleme bleiben lange unbemerkt, weil Kinder ihre Sehleistung nicht zuverlässig einschätzen können.

Der wichtigste Tipp: Raus mit euch!

Jetzt kommt die gute Nachricht. Die wirksamste Vorsorge kostet nichts, braucht keine App und macht im besten Fall sogar Spaß: Zeit draußen bei Tageslicht.

Die Deutsche Ophthalmologische Gesellschaft (DOG) empfiehlt für Kinder etwa zwei Stunden täglich im Freien. Studien zeigen, dass Tageslicht das Risiko für Kurzsichtigkeit senken kann. Forschende vermuten, dass helles Licht im Auge Botenstoffe freisetzt, die das übermäßige Längenwachstum des Augapfels bremsen. Draußen geht der Blick außerdem ganz von selbst in die Ferne.

Zwei Stunden klingen erst mal nach viel. Es muss aber kein Wandertag mit Proviant und Funktionsjacke sein. Es zählt jede Minute:

  • der Schulweg zu Fuß oder mit dem Rad statt im Elterntaxi
  • die schnelle Runde auf dem Spielplatz nach der Kita
  • Hausaufgaben im Sommer mal auf dem Balkon
  • Kicken im Park, Laub sammeln im Herbst, Schneeballschlacht im Winter
  • einfach mal ohne Ziel spazieren gehen, nach Tieren Aussschau halten oder die Baustelle angucken

Wichtig ist die Regelmäßigkeit, nicht die Leistung. Wer dabei mitmacht, tut übrigens auch den eigenen Augen etwas Gutes. Auch Väter sitzen zu viel vor Bildschirmen.

Ehrlicherweise muss man aber sagen: Zeit draußen ist keine Garantie. Sie kann das Risiko senken, schützt aber nicht sicher. Eine schon bestehende Kurzsichtigkeit lässt sich damit auch nicht rückgängig machen.

Bildschirm, Buch und Hausaufgaben: Pausen statt Verbote

Smartphone, Tablet, Lesen und Lernen haben eines gemeinsam: Die Augen schauen lange auf eine kurze Distanz. Das nennt man Naharbeit, und zu viel davon ohne Unterbrechung gilt als Risikofaktor.

Bedeutet das, dass ihr das Tablet wegsperren und den Bücherschrank abschließen müsst? Natürlich nicht. Lesen bleibt eine der besten Sachen, die Kinder machen können. Die DOG empfiehlt stattdessen ungefähr alle 30 Minuten eine kurze Pause, in der der Blick in die Ferne geht: aus dem Fenster schauen, Wolken zählen oder den Nachbarn beim Rasenmähen beobachten.

So klappt das im Alltag:

  • Einen Timer stellen, zum Beispiel am Tablet oder mit einer Küchenuhr. Das funktioniert besser, als jedes Mal zu ermahnen.
  • Pausen mit Bewegung verbinden, etwa ein Glas Wasser holen oder kurz auf den Balkon gehen.
  • Ein Fensterspiel erfinden: „Was siehst du ganz weit hinten?“ macht schon Grundschulkindern Spaß.
  • Selbst Vorbild sein: Wer selbst stundenlang aufs Handy schaut, kann von seinem Kind schlecht etwas anderes verlangen.

Wie ihr das Thema ohne ständige Verbote in den Familienalltag bringt, beschreiben der Hamburger Augenarzt Priv.-Doz. Dr. med. Tim Schultz, Augenarzt im Team der Hamburger Experten für Augenlasern, und die Ärztin Dr. med. Merita Schojai-Schultz in ihrem Ratgeber „Kinderaugen stark machen“ (Gräfe und Unzer). Er enthält auch ein Kinderbuch zum Herausnehmen.

Diagnose Kurzsichtigkeit: Was passiert dann?

Wenn der Augenarzt Kurzsichtigkeit feststellt, bekommt euer Kind zuerst eine passende Sehhilfe, meist eine Brille oder Kontaktlinsen. Damit sieht es wieder scharf, in der Schule wie auf dem Fußballplatz.

Außerdem kann man prüfen, ob eine sogenannte Myopiekontrolle sinnvoll ist. Dabei geht es darum, das Fortschreiten der Kurzsichtigkeit zu bremsen. Infrage kommen zum Beispiel:

  • spezielle Brillengläser
  • spezielle Kontaktlinsen
  • niedrig dosierte Atropin-Augentropfen

Welche Möglichkeit passt, hängt vom Alter, vom Befund und vom Kind selbst ab. Das klärt ihr am besten gemeinsam mit der Augenärztin oder dem Augenarzt. Fragt dort auch nach den Kosten, denn solche Behandlungen müsst ihr häufig selbst bezahlen.

Und was ist mit Augenübungen? Im Netz werden sie gern als Wundermittel angepriesen. Es gibt aber keine belastbaren wissenschaftlichen Belege, dass sie Kurzsichtigkeit verhindern oder rückgängig machen. Sie ersetzen weder eine nötige Brille noch eine ärztlich empfohlene Behandlung.

Fazit: Ihr müsst keine Augenärzte werden

Eltern müssen Kurzsichtigkeit nicht selbst diagnostizieren. Ihr könnt aber gute Gewohnheiten fördern, Warnzeichen ernst nehmen und im Zweifel ärztlichen Rat holen. Die Woche des Sehens ist ein guter Anlass für einen kurzen Check: Ist mein Kind genug draußen? Macht es Pausen beim Lesen und Zocken? Und erkennt es den Bus noch, bevor er schon an der Haltestelle steht?

Wenn ihr alle drei Fragen mit Ja beantworten könnt, habt ihr schon viel richtig gemacht. Wenn nicht, ist jetzt eine gute Gelegenheit, gemeinsam rauszugehen.

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