Anderswo leben Menschen in Doppelhaushälften in Stadtvierteln, in denen der Anblick höherer bis hoher Zäune nicht ungewöhnlich ist. Darunter sind auch Einwohner, die als Architekten für diese Haushälften verantwortlich sind. Weil selbst geplant ganz sicher kein Makel ist, wenn man es denn beherrscht. Menschen aus solchen besonderen Stadtteilen gehen auch gerne mal in den Zoo und nehmen ihren Besuch mit. Oder halten es für ganz und gar selbstverständlich, den lieben Gast mit ins Krankenhaus zu nehmen. Nicht etwa, weil sonst kein Angehöriger die private Versorgung mit Blumen und Süßigkeiten übernehmen möchte. Nein, der liebe, für eine ganze Woche in der Doppelhaushälfte verweilende Gast darf Augenzeuge einer echten Operation sein. Sorgfältig eingekleidet in einen dunkelgrünen OP-Kittel, findet er sich doch tatsächlich in einem richtigen OP-Saal wieder. Nur dass der liebe Gast weder zu einer fachärztlichen Fortbildung geladen wurde noch Geschmack an blutigen Horrorvorstellungen finden sollte. Nichts von alledem, die ganze Wahrheit ist: In diesem Frühjahr stand das Austauschprogramm der gymnasialen achten Klasse an, und Jakob hat es dabei ebenfalls erwischt. Das Reiseziel aller betroffenen Schüler hieß Warschau, und wie es der Zufall wollte, landete er in der Familie eines Chirurgen und einer Architektin. Die beiden samt ihrer drei Kinder erwiesen sich als herzliche, aufmerksame Gastgeber, und speziell dem Vater lag am Ende eines vielseitigen Aufenthaltes daran, Jakob seinen Beruf ein wenig näherzubringen. So viel näher wahrscheinlich, als es einem rigorosen Vegetarier ins komplett fleischlose Weltbild passt.

Der Weg in die Hauptstadt Polens war ein weiter, und zurückgelegt wurde er auf Schienen. An die 12 Stunden hat es am Ende gedauert, aber erwartet hat ihn dafür ein gemütliches Bett unterm Dach. Ein Zimmer gemeinsam mit dem 18-jährigen Sohn in einer schicken Doppelhaushälfte neben vielen anderen, allesamt nur wenige Minuten vom Zentrum Warschaus entfernt. Der eigentliche Austausch findet noch im Spätsommer diesen Jahres mit der 14-jährigen Tochter statt, auch wenn sie bei uns nichts ebenbürtiges vorfinden wird, also keine Haushälfte mit problemlosen Zugang zu den umtriebigen Eingeweiden einer europäischen Metropole. Wir leben ja mehr so in einem älteren, nicht ganz makellosen Einfamilienhaus mit Blick auf das alpine Zentrum des Chiemgaus, die Kampenwand. Und bis zur nächsten richtigen Großstadt (München wird mir vielleicht dankbar sein für diese großzügige Auslegung, Salzburg ganz bestimmt) ist es eine gute Stunde, mit der Bahn ebenso wie mit dem Auto. Was aber unbedingt auf der Habenseite steht: Sie wird bei uns richtig durchschnaufen können, hat doch Jakob wiederholt darüber geklagt, wie schlecht es um die Luft in Warschau bestellt ist. Sie sei quasi zum Schneiden, aber das kommt ja dann fast schon wieder den dort beheimateten Chirurgen entgegen.

Und was sicher auch nicht zum Nachteil gerät: Ich stochere für gewöhnlich nicht in lädierten Menschenkörpern herum, und Häuser im Dutzend oder gleich von der Stange habe ich auch noch keine entworfen. Also lauter so Sachen, mit denen man ja doch nur viele Menschen geradewegs dem Neid ausliefert, weil man damit sehr wahrscheinlich gutes Geld verdient. Das Mädchen aus Polen kann also völlig unbesorgt sein, es braucht nicht einmal kurz die Luft anhalten, wir als Austauscheltern kämen niemals auf solche abwegigen, unmoralischen Ideen.

Zusammen mit seiner Gastfamilie ist Jakob wiederholt Pizzaessen gegangen. Das waren jedes Mal wieder runde Sachen, und als solcher darf sein Aufenthalt in Warschau ohne Abstriche bezeichnet werden. Das hat er auch jeden Abend via WhatsApp herausgestellt. Und wir alle, die wir deswegen neugierig um ein Smartphone herumwuselten, um dem jugendlichen Botschafter europäischen Zusammengehörigkeitsgefühls zuzusehen und -zuhören, waren aufrichtig froh um den Fortbestand einer großartigen Idee. Wenn Jakob auch von augenfällig vielen Nationalflaggen überall in Warschau berichtet hat, so war deren gemeinsame Sprache doch englisch und deren verbindlichen Umgangsformen höflich und respektvoll. Nur gut, dass man dafür nicht erst eine Notoperation braucht, um die Europas angeblich kraftlosem Körper neu hinzufügen zu müssen…

Fotos: ©Pixabay

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