Die Nutzung digitaler Medien bereits im Kindesalter ist ein heißes Thema. Keiner möchte seine Kinder vor dem Bildschirm klebend sehen. Erst recht nicht in der Tagesbetreuung. Doch Kita 2.0 – Kindergarten mit iPad und Co. – ist das ok? Antje Bostelmann, Erzieherin und Gründerin der KLAX-Pädagogik sagt: Ja und erklärt, warum.

DADDYlicious: Wann sollten Kinder an digitale Medien herangeführt werden und wie lösen Eltern die zeitliche Begrenzung der Nutzung?

Digitale Medien gehören zur Lebenswelt der Kinder. Viele Neugeborene blicken als erstes auf das Smartphone ihres Vaters, der voller Stolz sein Kind fotografiert. Kleinkinder lernen im Zusammenleben mit anderen Menschen. Sie beobachten, ahmen nach und versuchen so zu verstehen wie die Welt funktioniert, welchen Gesetzmäßigkeiten sie folgt und welches Verhalten in welcher Situation angemessen ist. Die moderne Welt ist von digitalen Geräten und digitalen Funktionen durchdrungen. Es ist uns nicht immer bewusst, aber unsere Autos, die Waschmaschine in der Wohnung oder die Heizungen im Haus, sind digitale Geräte.

Wenn in der Pädagogik von digitalen Geräten die Rede ist, sind häufig Smartphones und Tabletts gemeint. Die Frage „ab wann?“ und „wie lange?“ bezog sich in den Zeiten davor meist auf den Fernseher, der sein negatives Images nun an die Tablet-Technologie abgeben konnte. Dabei kommt es, wie damals schon beim Fernsehen, nicht auf das „wie lange“ an, sondern auf das „was“.

Mein Enkel ist zwei Jahre alt. Er blättert gemeinsam mit seiner Schwester das Fotoalbum auf dem Smartphone seines Vaters durch, seit er sitzen kann. Dies haben meine Kinder auch getan, nur dass sie dazu das von mir liebevoll geklebte Fotoalbum benutzt haben.

Mein Enkel nutzt die Sprachsteuerung von Siri, um sich Bilder von Tieren anzeigen zu lassen. Dabei hat er gelernt, dass Siri ihn besser versteht, wenn er den Schnuller aus dem Mund nimmt.

Es gibt viele sinnvolle Beschäftigungsmöglichkeiten mit Smartphones und Tablets. Kindergartenkinder nutzen häufig die Fotofunktion und erstellen mit Hilfe von Apps, kleine Filme oder lustig verfremdete Fotos. Gehen Sie mit Ihren Kindern in den Wald und fordern Sie sie dazu auf, alles zu fotografieren was nicht in den Wald gehört. Zu Hause und im Garten, können Fotos von allen Dingen die z.B. rund sind gesammelt werden.

Man kann Geschichten erfinden und mit Hilfe der App Puppet Pal zu einem kleinen Theaterstück zusammen fügen. Eltern können mit ihren Kindern, dem Geheimnis der QR Codes auf den Grund gehen, dabei selber QR-Codes herstellen oder über den Sinn von diesen diskutieren. Wer auf dem Tablett malt, geht einer sinnvollen Beschäftigung nach, deren zeitliche Begrenzung niemandem in den Sinn käme, würde sie auf Papier und mit Stiften erfolgen.

Sollte Ihre Eingangsfrage darauf zielen, ab wann und wie lange Kinder an Tabletts und Smartphones Filme ansehen oder Spiele spielen dürfen, dann ist meine Antwort, Kleinkinder gar nicht, Kindergartenkinder und ältere Kinder ab und zu, zur Entspannung. Die digitale Technologie bietet so viele großartige Lernmöglichkeiten, dass die kreative Nutzung der Geräte unbedingt im Vordergrund stehen muss.

Digitale Medien sind mehr „sexy“ als ein Buch. Wie bekommen Eltern den Spagat hin, ihren Kindern auch noch etwas aus einem klassischen Buch vorzulesen?

Hier würde ich sagen: “Einfach machen!“ Die Kinder sind von Natur aus so neugierig, dass sie sich für Bücher genauso interessieren, wie für alle anderen Dinge, die sie in den Händen ihrer Eltern sehen. Das gute alte Buch wird in den gesellschaftlichen Diskursen häufig der digitalen Welt gegenüber gestellt. Wie sinnvoll dies ist wird die Zukunft zeigen. Lesen oder Vorlesen ist allerdings nicht schlechter oder besser, wenn es mit Hilfe eines Buches aus Papier oder eines auf einem digitalen Gerät erfolgt.

Beim Vorlesen kommt es auf die persönliche Beziehung an. Diese sollten Eltern nicht an ein Gerät abgeben. Die Industrie hat allerdings das notorisch schlechte Gewissen vieler Eltern, zu wenig Zeit zu haben, um sich ausreichend um die Kinder zu kümmern als Marktnische erkannt. Neben der VorleseApp kommen immer mehr Dinge auf den Markt, die den Eltern das Zusammensein mit den Kindern abnehmen sollen. Kleine Drachen aus Plastik machen Hausaufgaben mit den Kindern und filmen sie dabei. Eltern wird suggeriert, das dies ein neuer Weg sei, sich um das Kind zu kümmern.

Dieser Trend ist gefährlich. Computer sind gemacht worden, um uns das Leben zu erleichtern. Sie dürfen uns weder das Denken abnehmen, noch die soziale Beziehung ersetzen. Darauf können Eltern achten.

Sollte der „digitale“ Konsum überhaupt eingeschränkt werden? Oder wie wichtig eine „Überwachung“ während der Nutzung ist, damit die Kinder nicht auf ungeeignete Inhalte stoßen?

Steve Jobs hat gesagt: „Der richtige Computer wird zum Fahrrad für das Gehirn“. In diesem Sinne ist es wichtig sauber zu trennen, worum es geht. Das Wort „Konsum“ impliziert in diesem Diskurs über die digitalen Medien in den Händen der Kinder ein unkontrolliertes, genussgesteuertes Verhalten. Unsere Wirtschaft beruht auf einem Wechselspiel von Konsumenten und Produzenten. Auf der einen Seite werden von Menschen Dinge produziert und angeboten, die von anderen Menschen konsumiert werden. Konsum wird dann kritisch, wenn er außer Kontrolle gerät und Dinge über die tatsächlichen Bedürfnisse hinaus konsumiert werden. Dazwischen gibt es sicher viele Abstufungen und häufig gibt es wenig Einigkeit darüber, wieviel Genuss erlaubt ist und ab wann Verschwendung oder gar Sucht einsetzen.

Interessant ist dabei, dass die digitalen Medien für immer mehr Menschen die Chance eröffnen selbst zum Produzenten zu werden. Die DIY(Do It Yourself)- Bewegung ist aktuell so stark wie nie zuvor. In jeder Großstadt der Welt gibt es FabLabs, große Fabrikhallen, die mit digitalen Frasen, 3D Druckern, Plottern, Näh-und Strickmaschinen und noch viel mehr Geräten ausgestattet sind. Die Grundidee der FabLabs ist die Öffnung in die Community. Hier kann jeder hingehen, der eine Idee hat und sie mit Hilfe der digital gesteuerten Maschinen umsetzen. Das funktioniert, da digitale Geräte heute so leicht wie noch nie zu verstehen und zu benutzen sind. Dieser Trend, digitales einfacher und für immer mehr Leute anwendbar zu machen verstärkt sich weiter.
Für das Aufwachsen unserer Kinder bedeutet dies, das sie früh verstehen können welche Möglichkeiten digitale Geräte ihnen bieten, um ihre eigenen Ideen Realität werden zu lassen.

Das beginnt mit der Möglichkeit die eigene Zeichnung an Omas und Tanten zu verschicken, selbst kleine Filme zu produzieren oder Roboter zu steuern. Kinder können heute schon am 3D Drucker eine selbst entworfene Figur ausdrucken oder aus mehreren gedruckten Teilen ein Fahrzeug zusammensetzen. Eltern empfehle ich, gemeinsam mit den Kindern ein FabLab zu besuchen. Viele Freizeiteinrichtungen bieten inzwischen Kurse in Programmieren an oder stellen für Kinder geeignete digitale Maschinen bereit. Diese Bewegung der Macher (engl. Maker) breitet sich aus. In den Makerspaces, die inzwischen auch Einzug in europäische Schulen halten, wird die digitale Maschine zum Fahrrad für Denker und Erfinder.

Bildschirmfoto 2016-04-07 um 12.58.21Zur Person:

Antje Bostelmann ist ausgebildete Erzieherin und bildende Künstlerin. 1990 gründete sie Klax, anfangs als private Malschule und Nachmittagsbetreuung mit künstlerischem Schwerpunkt, heute ein überregionaler Bildungsträger mit Krippen, Kindergärten und Schulen in Deutschland und Schweden. Sie entwickelte die Klax‐Pädagogik, ein modernes pädagogisches Konzept, welches das Kind in den Mittelpunkt der pädagogischen Arbeit stellt und das allen Klax‐Einrichtungen zugrunde liegt. Als Erfinderin der Klax‐Pädagogik ist sie maßgeblich an der Etablierung der Portfolio-Arbeit und dem selbstorganisierten Lernen in Deutschland beteiligt. Dabei engagiert sie sich für einen europaweiten pädagogischen Austausch und für die Umsetzung der von der UN in der Welt‐Dekade „Bildung für nachhaltige Entwicklung“ ausgerufenen Inhalte. Sie entwickelt Lern‐ und Spielmaterialien für die Arbeit in Kindergarten und Krippe.

Seit 1995 hat sie zahlreiche pädagogische Fachbücher veröffentlicht, darunter „Digital Genial. Erste Schritte mit Neuen Medien im Kindergarten.“. 2008 wurden sie und ihr Autorenteam vom Verlag an der Ruhr zum Autorenteam des Jahres gewählt. Antje Bostelmann liegt nicht nur das Wohl der Kinder am Herzen, sondern auch das ihrer Mitarbeiter. Das findet bundesweit Anerkennung, wie zum Beispiel die Top‐Job-Auszeichnungen 2005 und 2010 beweisen. Antje Bostelmann ist Mutter von drei Kindern und lebt in Berlin.

Copyright Titelbild: dietlb aus digital genial/Bananenblau Verlag

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